So langsam gewinnen wir wirklich den Eindruck, dass das Segeln diesen Sommer mehr als verkorkst ist oder vielleicht wird es auch zu einem Computerspiel, bei dem die Anforderungen immer weiter steigen. Vermutlich haben wir gerade den nächsten Level erreicht. Demnach könnte man meinen der Horrortrip von Kolberg nach Ustka war Level 1, der Trip von St. Petersburg nach Kotka Level 2, Level 3 wäre dann der Trip von Kotka nach Byön mit mal wieder ungeahnten Winden und Windrichtungen und nun scheinen wir auf Level 4 zu spielen.

So langsam sind wir auch die Einöde in Bredskäret satt. Seit Tagen haben wir keine Dusche gehabt, wir können unseren Müll nicht entsorgen, man kann einfach nichts machen, außer an Bord relaxen - was bei der derzeitigen Situation etwas schwierig ist, lesen, essen, schlafen. Wir nehmen die Fähre und fahren nach Bergö, in der Hoffnung dort den von Maria vom SAR Team angepriesenen Kiosk zu finden. Ein leckeres Eis wäre sicher ein guter Stimmungsaufheller. Aber, was entdecken wir auf Bergö, außer den Gästeanleger... nicht viel. Ein Kiosk bleibt fußläufig unerreichbar. Also geht es wieder zurück in unser trautes Heim. Immerhin haben wir etwas zu essen an Bord und zahlreiche DVDs. Und da es mal wieder regnet, machen wir es uns unter Deck gemütlich und schauen uns ein paar Tatorte mit Boerne und Thiel an. So verrinnt der Montag und wir haben immer noch keine Lösung unseres Problems.

Der Dienstag bringt auch nicht viel Neues. Wir versuchen noch mal in Vasa anzurufen, aber viele Informationen bekommen wir nicht, außer, dass der Hafen frei ist und wir gerne kommen können - toll, würden wir ja gerne. Aber, der Wetterbericht verheißt Gutes. Es soll doch tatsächlich eine Winddrehung geben und das schon um 12 Uhr. Zunächst auf Ost, dann auf Süd. Und genau jenen Wind können wir gut gebrauchen. Dann können wir aus dem engen Hafen auch unter Segel auslaufen und die Strecke nach Vasa segeln. Aber bis der Wind dreht vergeht noch ein guter halber Tag. Jedes Auto ist in Bredskäret ein Highlight - viel ist in dem Hafen eben nicht los. Am Montag waren es maximal fünf Autos, die sich in den Hafen verirrten und drei Fahrradfahrer. So ist es schon verwunderlich, dass am Dienstag früh die Feuerwehr im Hafen vorbei schaut und kurze Zeit später ein Wohnmobil - und das kommt sogar aus Deutschland. Da wir ja ohnehin nicht viel zu tun haben, gehen wir von Bord um den Wohnmobilisten "Hallo" zu sagen. Tja, wir treffen auf Schwaben und deren Redseligkeit hält sich arg in Grenzen. Nach einer recht holprigen Kommunikation verschwinden wir wieder unter Deck - das war auf jeden Fall auch kein Stimmungsaufheller.

Auf jeden Fall beginnt der Wind zu drehen und als er südliche Richtungen erreicht, entscheiden wir uns aufzubrechen. Nichts wie weg hier. Wir informieren kurz das SAR Team, machen Fritsjen startklar und setzen die Fock. Damit treiben wir langsam aus dem Hafen, der Hafeneinfahrt und an der Fähre vorbei. Trotz des angesagten Südwinds mit guten 20 Knoten haben wir nur schwachen Wind - wir setzen das Groß dazu. Kaum haben wir gute zwei Meilen zurück gelegt, entscheidet sich der Wind zu drehen - er kommt von vorne. Super! Genau deswegen saßen wir in Bredskäret, weil wir bei Wind von vorne kaum durch die Engstellen des Fahrwasser durchkommen würden. Nun waren wir unterwegs - zurück wollten wir nicht - also mussten wir uns durchbeißen. Die engsten Stellen im Fahrwasser waren maximal 100 Meter breit. Das macht Spaß! Und da werden die 20 Seemeilen dann auch zu einem wahren Traum. Nicht, dass der Wind konstant wäre, nein, er drehte natürlich immer so, dass wir ihn immer von vorne hatten. Zwischendurch frischte er massiv auf, so dass wir entschieden das zweite Reff einzubinden. Prima, genau in dem Moment vertüdelt sich die Reffleine und wir können das Schothorn nicht fixieren. Das hieß für uns, Groß ganz bergen. Aber auch unter Fock kamen wir voran. Die Abkürzung nach Vasa konnten wir dann leider auch nicht nutzen, da in der Abdeckung der Insel kein Wind war und wir auf Winddreher auch nicht hätten reagieren können - zu eng war das Fahrwasser dort. Also ging es außen rum nach Vasa. Schön, dass auch hier wieder reger Schiffsverkehr herrscht. Wir sind beide mehr als genervt. Mittlerweile ist es auch schon 21 Uhr und wir sind seit sechs Stunden unterwegs. Zeit für eine Pause gibt es nicht, wir sind immer die ganze Zeit beide im Einsatz - Wende, Navigation, Wende, Segel bergen, Segel setzen. Um nach Vasa zu kommen, müssen wir einen Amwindkurs fahren. Wir setzen erneut das Groß. Damit kommen wir zumindest durch die Engstelle im Fahrwasser. Danach frischt der Wind wieder dermaßen auf, dass wir zunächst erneut reffen wollen - dieses Mal das erste Reff. Doch als auch dieses klemmt, nehmen wir das Groß wieder komplett weg. Nur unter Fock geht es weiter. Es ist absolut ungewiss, ob wir so den Hafen erreichen. Hinter den Inseln ist teilweise gar kein Wind. Anker und Paddel liegen stets bereit. Irgendwie schaffen wir es, uns bis zum Hafen vorzuhangeln. Jetzt muss nur noch der Anleger klappen. Wir kennen den Hafen nicht, die Fock ist oben und wir müssen ein Plätzchen finden. So leer, wie der Hafenmeister angekündigt hatte, ist der Hafen nicht. Doch ein Clubmitglied steht auf dem Steg und dann entdecken wir die Gerrun im Hafen. Nach zwei weiteren Wenden ist das Anlegemanöver klar. Wir nehmen die Heckboje neben der Gerrun, Silja hakt die Achterleine ein, Jan birgt die Fock und Gert nimmt an Land die Vorleine entgegen. Puuuuuh, geschafft, es ist nach 22 Uhr. Oder auch, juhu, nun haben wir Level 4 erreicht. Wir haben die Nase gestrichen voll vom Wind, vom Motor und sind einfach nur froh in einem Hafen mit Facilities angekommen zu sein. 

Schnell wird aufgeklart, Spaghetti und Hühnchen zubereitet und dann geht es noch für einen kurzen Plausch auf die Gerrun. Dann gibt es eine kurze Nacht. Um 9 Uhr stehen wir beim Hafenmeister auf der Matte und konfrontieren ihn mit unserem Problem. Dann geht es zum Motorservice: Donnerstag, 10 Uhr kommt der Mechaniker. Danach kommt der Kranchef vorbei: Kranen geht nur ohne Mast! Oh je, das hatten wir befürchtet. Ratzfatz werden wir unter den Kran geschleppt, wir bauen in Windeseile alles auseinander und noch vor 12 Uhr liegt der Mast auf dem Mastenwagen. So schnell kann das gehen. Dann werden wir zurück zum Gästesteg gefahren. Wir reparieren noch schnell das Groß, denn einen Segelmacher scheint es hier nicht zu geben. Bringen den Verklicker wieder in Gang und prüfen die Reffleinen. Damit ist für heute genug gearbeitet, gleich geht es mit den Rädern in die Stadt - einkaufen, Kaffee trinken und entspannen. Morgen geht es weiter.